Gebaut, um zu fesseln.
Social-Media-Plattformen sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln, auch auf Kosten der Gesundheit und des Wohlbefindens junger Menschen. Wir wollen, dass sich das ändert.
Das Problem
(1) Nur kurz ein Video ansehen, und plötzlich ist eine Stunde vergangen. Was vielen vertraut vorkommt, ist nicht allein eine Frage der Selbstdisziplin. Instagram, TikTok und Co. sind so gestaltet, dass es möglichst schwer fällt, sie wieder zu verlassen. Der Feed endet nie, das nächste Video startet automatisch, Benachrichtigungen locken uns zurück. Gleichzeitig lernen Algorithmen aus unserem Verhalten, welche Inhalte uns besonders interessieren, und liefern immer neuen Nachschub. Was sich wie beiläufige Unterhaltung anfühlt, folgt einem klaren Prinzip: möglichst viel Aufmerksamkeit, möglichst lange.
(2) Wenn aus ein paar Minuten zu viele Stunden werden. Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann diese ständige Verfügbarkeit zum Problem werden. Das Handy wird noch einmal vor dem Schlafengehen zur Hand genommen, beim Lernen fällt es schwer, die App geschlossen zu halten, und für Sport, Hobbys oder andere Aktivitäten bleibt weniger Zeit. Solche Schwierigkeiten sind keineswegs ungewöhnlich: Laut einer Jugendgesundheitsstudie der WHO ist der Anteil Jugendlicher mit problematischer Social-Media-Nutzung zwischen 2018 und 2022 von 7 auf 11 Prozent gestiegen.¹ In Österreich zeigen 10 Prozent der Mädchen und 7 Prozent der Burschen entsprechende Anzeichen.² Dabei geht es nicht bloß um die Dauer der Nutzung, sondern vor allem darum, dass Jugendliche zunehmend die Kontrolle darüber verlieren, wie viel Zeit sie auf den Plattformen verbringen.
(3) Die Auswirkungen reichen bis in den Alltag. Die WHO bringt problematische Social-Media-Nutzung mit weniger Schlaf und späteren Schlafenszeiten in Verbindung, mit möglichen Folgen auch für die schulischen Leistungen.¹ Doch nicht erst eine messbare Beeinträchtigung macht die Gestaltung der Plattformen problematisch. Schon wenn es trotz wiederholter Versuche schwer fällt, die eigene Nutzung einzuschränken, stellt sich die Frage, welchen Anteil die Plattformen selbst daran haben. Schließlich sind ihre Funktionen gerade darauf ausgelegt, uns zum Weiterscrollen zu bewegen.
(4) Das Design steht längst in der Kritik. Auch die Europäische Kommission beschäftigt sich inzwischen mit diesen Mechanismen. Im Februar 2026 stellte sie vorläufig fest, dass TikTok mit seinem suchtfördernden Design gegen europäisches Recht verstößt. Besonders kritisch bewertete sie das endlose Scrollen, automatisch startende Videos und personalisierte Empfehlungen, die eine nahezu unbewusste Weiternutzung begünstigen können. Auch die Wirksamkeit von Bildschirmzeitbegrenzungen und elterlichen Kontrollmöglichkeiten wurde infrage gestellt.³
(5) Die Plattformen könnten es anders machen. Die Kommission hält grundlegende Änderungen des Designs für erforderlich, etwa wirksamere Unterbrechungen der Bildschirmzeit, insbesondere nachts, oder Anpassungen des Empfehlungssystems.³ Es geht also nicht darum, soziale Medien grundsätzlich abzulehnen. Es geht darum, dass ihre Nutzung nicht auf Kosten der Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen gehen darf.
Design Statement
Das Problem ist nicht der Inhalt. Es ist das Design.
Es geht nicht nur um einzelne Posts oder Videos, sondern auch um die Mechanismen dahinter. Darum, dass Plattformen gezielt so gestaltet werden, dass sie unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden, selbst wenn dies zulasten des Wohlbefindens junger Menschen geht. Doch diese Gestaltung ist keine technische Notwendigkeit, sondern eine bewusste Entscheidung. Ein Feed kann enden, Videos müssen nicht automatisch starten und Algorithmen müssen nicht jede Interaktion auswerten, um Nutzer immer weiter an den Bildschirm zu fesseln. Die Plattformen könnten ihre Produkte anders gestalten. Sie entscheiden sich aber dagegen.
Was wir wollen
Wir wollen nicht länger hinnehmen, dass die Aufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen auf Kosten ihres Wohlbefindens zum Geschäftsmodell wird. Deshalb prüfen wir mit Partnern aus Deutschland und den Niederlanden juristische Wege, solchen Praktiken einen Riegel vorzuschieben. Unser Ziel ist es,
die Plattformen zu verpflichten, ihr Design so zu verändern, dass Kinder und Jugendliche nicht gezielt zu übermäßiger Nutzung verleitet werden
die Unternehmen für Schäden zur Verantwortung zu ziehen, die durch ihre Produkte verursacht werden;
wirtschaftliche Anreize für schädliche Designmechanismen zu beseitigen, damit der Schutz junger Menschen nicht länger hinter kommerziellen Interessen zurücksteht.
Was in den USA bereits vor Gericht verhandelt wird, wollen wir auch in Europa durchsetzen, auf Grundlage europäischen Rechts, vor europäischen Gerichten und mit dem Anspruch, über den Einzelfall hinaus Veränderungen zu bewirken.
Wer wir sind
AllRise Impact ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Wien, die sich mit strategischer Prozessführung für gesellschaftliche Veränderungen einsetzt. Wir nutzen das Recht dort als Instrument, wo politische Maßnahmen und freiwillige Selbstverpflichtungen nicht ausreichen, um Missstände wirksam zu bekämpfen. Für dieses Vorhaben arbeiten wir mit Partnerorganisationen, Jurist*Innen sowie Expert*Innen aus Wissenschaft, Medizin und Technik in mehreren europäischen Ländern zusammen.
Erfahrungen teilen
Wenn soziale Medien zunehmend den Alltag bestimmen, fällt es oft schwer, die Kontrolle über die eigene Nutzung zurückzugewinnen. Ob stundenlanges Scrollen, Schlafmangel, nachlassende schulische Leistungen oder schwerwiegende psychische Belastungen, jede Erfahrung kann dazu beitragen, die Auswirkungen problematischer Plattformgestaltung sichtbar zu machen.
Wir suchen Kinder, Jugendliche und Familien, die ihre Erfahrungen über das Kontaktfeld oder auch direkt per E-Mail über socialmedia@allrise.at mit uns teilen möchten. Alle Angaben werden selbstverständlich vertraulich behandelt.
Quellen
¹ WHO Europe, Health Behaviour in School aged Children study (HBSC), 2024 report on social media use
² HBSC Austria
³ European Commission, preliminary findings on TikTok, February 2026